Bericht vom Flüchtlingscamp Parolinya

2. Juni 2017, Camp Parolinya, Uganda. Unser Tag beginnt mit einem 2-Stundengespräch mit dem Camp-Direktor. Derzeit leben hier 160.000 Menschen. Die Zahl steigt täglich – allein letzte Nacht wurden 1.600 Süd-Sudanesen vom Grenzort Elegu mit Bussen ins Camp gebracht. Ausführlich und mit Detailkenntnis nennt er uns die dringendsten Anliegen: Schulen, medizinische- und Wasser-Versorgung, Sanitäranlagen …

Bildung und Ausbildung sind sehr dringlich in seinen Augen. Es lässt uns hoffen, dass ein Projekt hier sehr gut umzusetzen sein wird. Denn Schulen sind ein Schwerpunkt unseres Engagements in Uganda.  Nun fahren wir in die Lager, um uns einen Eindruck der Alltagssituation und der Camporganisation zu machen.

Die Headquarters sind professionell aufgebaut. Es gibt Meldezelte für Menschen, die ihre Angehörigen suchen, medizinische Bereiche, Verteilzentren … alles halt in großen Zeltanlagen. Immer wieder fahren wir auch an Wassertanks neben Pumpenanlagen vorbei, wie wir sie kennen und seit Jahren in vielen Dörfern in unseren Brunnenprojekten realisieren. Mit einfachsten Mitteln wird hier die Notversorgung der Menschen gesichert. Ich erinnere mich an die Worte des Direktors, dass zwischen Oktober und Februar sogar die Tiere starben – wegen der großen Dürre im Land. Permanent fahren große Wassertanker vorbei, die zeigen, wie wichtig die große Wasserpipeline wäre, die vom fünf Kilometer entfernten Fluss gelegt werden müsste. Die Hand- und Solarpumpenanlagen befördern einfach nicht genug Wasser für die wachsende Bevölkerung. Es bedrängt mich, solche Weiten, gefüllt mit Hütten – in Kilometer-Quadrate aufgeteilt – zu sehen. Aber ich bin von der Ruhe und Akzeptanz der Menschen beeindruckt – ich kann hier einfach nicht ‚Gelassenheit‘ allein schreiben. Die Menschen strahlen keine Angst aus – auch nicht die Ugander, die hier ihren Lebensraum teilen müssen und deren Dörfer zwischen den Zonen ausgespart wurden.

Die Mobilfunkverbindung ist schrecklich, obwohl dieses Werkzeug GANZ wichtig ist in einer Notsituation wie hier im Camp.Tatsächlich treffen wir im Zentralcamp wieder Julius – unser Fahrer hatte mit ihm Handynummern ausgetauscht, nachdem er uns gestern spontan bei der Reifenpanne ausgeholfen hatte. Er steigt ein und wird unser „Navi“ für den Rest der Reise. Er lotst uns zur größten Zone in Parolinya, Luru, wo Gloria lebt, die durch eine Patenschaft unterstützt wird.

Wir kommen an einer Nahrungsmittel-Verteilung vorbei. Es ist schon beschämend, sich nicht von seinem Acker ernähren zu können, wie die Menschen es hier seit Jahrtausenden tun. Dabei schmücken kleine Gärten fast jede der unzähligen mit Planen zusammengebastelten Schlaf- und Wohnhütten, die die Flüchtlinge sich selbst bauen. Dabei dürfen sie alle Bäume fällen, die NICHT mit blauer Farbe gekennzeichnet sind, erklärt Julius. Gute Planung, denke ich leise – hier wird aus einem großen Wald eine dauerhafte Siedlung ermöglicht! Jeder hat eine Nahrungskarte, womit er monatlich nur noch 6 anstatt 12 kg Korn und Bohnen bekommt. Zu wenig, beklagt Julius – und ich erinnere mich schon wieder an unser Vormittagsgespräch und die Nöte, die der Direktor schilderte bzgl. Wasser und Nahrungsmitteln. Saatgut ist auch wichtig für die Menschen, murmelt Moses* unbewusst, als wir die Enge der Verteilstelle hinter uns gelassen haben.

Und jetzt steht Gloria vor uns. Was für ein Segen ein Mobiltelefon ist, auch wenn ihres aus aus dem letzten Jahrhundert stammt – es funktioniert noch und das hat uns zusammengeführt. Als sie in unser Fahrzeug einsteigt, ist endgültig die vorgesehene Passagierzahl überschritten, aber das ist hier jedem egal. Während wir ihr „Zuhause“ ansteuern, erfahre ich schon, dass sie nur eine Handvoll der Patenkinder des Programms hier bisher gesehen hat. Andere sind im Flüchtlingslager Bidi Bidi, das wir nicht mehr erreichen werden.

Zuhause angekommen treffen wir auf vier ihrer sieben Geschwister und ihre Mutter. Dass das erste Thema, welches sie beklagt, die Schule hier ist, beeindruckt mich. Diese 16-Jährige will lernen! Die Zustände der wenigen Campschulen sind genauso schlimm wie der Direktor es uns gesagt hatte: 130 Kinder in der dritten Klasse – pro Lehrer. Zu der 11. – Senior 3 – wo sie hin müsste, ist der Fußweg mehrere Kilometer lang und der Klassenraum erlaubt es ihr gar nicht, sich reinzudrängen.  Wenn Du nicht unmittelbar nah bei der Schule wohnst, hast Du gar keine Chance – es ist zwecklos, zu gehen.

Wir reden über vieles und dürfen auch ihre selbstgebauten „Häuser“ und die kleine Kochstelle betreten. Ein kleiner Garten ist ebenfalls schon angelegt. Die Mutter ist sprachlos – ich merke, dass sie noch Zeit brauchen wird, um unseren Besuch zu verkraften. Ihr „neues“ Leben hier im Camp ist für sie erträglich. Sie haben vor allem Hoffnung, dass der Konflikt im 50 Kilometer entfernten Heimatland bald vorbei ist (ich bin da skeptischer). Doch hier können sie erst einmal leben, überleben.

Auf der anderen Straßenseite steht ein Versammlungszelt. Eins von Vielen. Man sieht sie überall im Lager an zentralen Stellen. Auf dem Schild steht „Classic Music & Ricki Oh (Hot Karate) 1 pm“. „Fußball wird hier auch geschaut“, sagen mir die Jungs, als ich auf die Sat-Schüssel zeige.

Glorias Bruder, Godi, vielleicht 9, zeigt mir noch sein Spielauto, ein Laster, selbgebastelt aus einer 1-Liter-Öl-Dose und Flaschenverschlüssen!

Das ist Afrika: Die Menschen hier werden überleben; Kinder sind die gleichen überall auf der Welt. Auch hier spielen sie Fußball auf jeder dafür freigemachten Fläche! Ich habe eine Idee: Neben der großzügigen Summe, die wir der Mutter selbstverständlich für die nächsten Wochen im Camp schenken, biete ich Godi 15.000 Schilling (umgerechnet 3,67 Euro) für sein Spielzeugauto an. Mit diesem Fahrzeug möchte ich die Geschichte seiner Flucht in Deutschland erzählen – er könne sich doch spielend leicht (zur Schule kann er ja nicht) einen neuen bauen. Godi willigt natürlich ein – aber unser Fahrer fragt noch 2 x nach, ob er wirklich zu dieser Familie gehöre – denn mit so viel Geld würde Godi, zuhause angekommen, ein großes Problem bei seinen Eltern bekommen.

 

Der Gedanke lässt mich nicht los. Ich und wir, wir sollten helfen. Wir müssen helfen und den Flüchtlingen in ihrer Not beistehen.

Siegfried Froese

 

 

*Pastor Moses Abasoola vom lokalen Projektpartner Kinderhilfswerk Uganda

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