Taifun Haiyan – Philippinen

Wie gehen unsere Hilfsmaßnahmen voran?

Mit Böen von bis zu 350 Kilometern pro Stunde fegte „Haiyan“, einer der stärksten tropischen Wirbelstürme, Anfang November 2013 über die Philippinen. 6 190 Menschen kamen ums Leben und 14,1 Mio waren insgesamt von dem Taifun betroffen. In Zusammenarbeit mit einem Netzwerk lokaler Kirchengemeinden steht unser Kinderhilfswerk den Taifunopfern an der Ostküste der Insel Samar zur Seite. Unsere Maßnahmen beinhalten die Verteilung von Hilfspaketen und Reparaturkits für Häuser, Katastrophenvorsorge, Nachhilfe und Förderunterricht an fünf Schulen für Kinder, die bedingt durch den Taifun lange die Schule unterbrochen oder Lernschwierigkeiten haben. Besonderer Schwerpunkt der Hilfsmaßnahmen sind der Schutz und die Trauma-Bewältigung von Kindern. Kinder finden als die Schwächsten der Gesellschaft noch schwerer Zugang zu Ressourcen und leiden stärker unter Traumata, Vertreibung, Mangel und Verlust.

Beate Tohmé war Ende Juli 2015 vor Ort und machte sich ein Bild von den Projekten unseres Kinderhilfswerks.mutter-helferin-beate

„Es hat mich beeindruckt, wie engagiert sich unsere meist ehrenamtlich tätigen Mitarbeiter um die Nöte und Bedürfnisse der Kinder und Familien kümmern. Sie haben doch selbst Verlust und Gefahr erlebt. Doch sie sind hoch motiviert und man spürt ihre Leidenschaft für die Ärmsten der Armen in ihrer Umgebung. Unterwegs habe ich neben einer traumhaften Natur mit Palmenwäldern und exotischen Blumen Not und Elend gesehen: Hütten aus Holz oder Reet mit Wellblechdach, die kaum Schutz vor den hier regelmäßig auftretenden Taifunen bieten. Fischer, die seit dem Taifun Haiyan ein deutlich geringeres Fischvorkommen kompensieren müssen, Familien, die verlassene Kinder aufnehmen und selbst kaum wissen, wie sie ihre eigenen Kinder durchbringen sollen … Gleichzeitig spürte ich die ehrliche Dankbarkeit für alle emfangene Hilfe. Sind die Menschen hier besser auf den nächsten Taifun vorbereitet? Unsere lokalen Mitarbeiter setzen sich aktiv und vorausschauend dafür ein, arbeiten eng mit den Behörden zusammen und schulen die Bevölkerung. Die Besuche in den Hütten haben mir Einblick in den Alltag und die Sorgen und Freuden der Menschen gegeben. Während meines Aufenthalts besuchten wir jeden Tag Familien, die entweder Hilfspakete oder Reparaturkits für ihre Hütten erhalten oder unsere Kurse für traumatisierte Kinder, Katastrophenvorsorge etc. besucht haben. Eine davon ist die Familie mit dem „Menopause-Baby“.

Das Menopause-Baby

Philippinos lieben es, sich zu besuchen. Sie legen viel Wert auf Familie und gute Beziehungen zu Nachbarn und Freunden. So ist es beinah alltäglich, als Marys* Cousin seinen Besuch ankündigt. JPEr will mal wieder vorbeischauen und bringt seinen einjährigen Sohn mit. „Könnt Ihr kurz auf J. P. aufpassen, ich muss noch etwas erledigen?“ fragt er beiläufig und macht sich auf den Weg. Eine Stunde vergeht, der Abend bricht an, es wird später … Anfangs scheint es eine lapidare Verspätung zu sein. Oder hatte er einen Unfall? Was ist los? Als Tage ohne Nachricht vergehen, wird eine bange Ahnung zur Gewissheit: Der Vater wollte seinen Sohn loswerden und hat ihn für immer zurückgelassen. Tagelang, wochenlang wird er gesucht, vergeblich. Er bleibt spurlos verschwunden. Was nun? Auf einmal hat Mary eine Idee. Sie ruft ihre Mutter Roxanne* an: „Mama, wir sind doch schon groß. Es gibt hier einen kleinen Jungen, der von seinem Vater verstoßen wurde. Stell‘ Dir vor, er kam zu Besuch und hat ihn einfach bei uns gelassen. Kann er bei Euch bleiben oder soll ich Nachbarn suchen, die ihn aufnehmen? J.P. braucht dringend ein Zuhause!“

Roxanne berät sich mit ihrem Ehemann. Sollen sie noch einmal von vorne anfangen? Jetzt, wo die eigenen Kinder aus dem Gröbsten heraus sind? Doch es dauert nicht lange, da sind sich beide einig. Ja, dieser Junge wird zu uns kommen und wir werden für ihn sorgen!mutter.jp-helferin

Drei Jahre sind seitdem vergangen. Mittlerweile ist J.P. vier Jahre alt. Der lebhafte Junge hält seine Mutter auf Trab. Verschmitzt lächelnd erzählt Roxanne: „Wir fallen einfach auf. Ich habe schon graue Haare und ziehe diesen kleinen Jungen auf. Alle sagen, dass er mein Menopause-Baby ist. Er nennt mich Nanai – Mama!“ J.P. hatte Glück. Seine neuen Eltern lieben ihn. Er kann unbeschwert in Geborgenheit aufwachsen. Einmal wöchentlich schaut eine Helferin der Kirchengemeinde vorbei, fragt, ob alles in Ordnung ist. Sorgen, Probleme, Herausforderungen werden geteilt und Hilfe organisiert. So ist nicht nur J. P. sondern die Pflegefamilie eingebunden in ein Netz der Fürsorge, Hilfsbereitschaft und Liebe. Insgesamt 28 ehrenamtliche Helferinnen haben ein Training absolviert  und kümmern sich regelmäßig um mehrere Familien, die entweder Waisen aufgenommen haben oder Kinder betreuen, die besonders schutzbedürftig sind. Neben der Betreuung durch eine Helferin erhalten die Familien Hilfspakete mit Nahrungsmitteln u. a. oder Unterstützung bei besonderen Bedürfnissen.

Vielen Dank an alle Spender, die unsere Hilfsmaßnahmen für die Taifunopfer ermöglichen! Wir freuen uns, dass wir einen Beitrag für die Kinder und Familien auf der Insel Samar leisten können. Damo Salahmat – vielen Dank!“

In herzlicher Verbundenheit

 

*Name geändert
** Gefährdete Kinder sind Kinder, die von Armut, Krieg, Kinderhandel, Aussetzung, Misshandlung, Sklaverei oder Ausbeutung betroffen sind.

Auf den Inseln Samar und Leyte waren die Auswirkungen des Taifuns am gravierendsten. Nach Regierungsberichten wurden die Häuser und Existenzen von 428 877 Menschen in 597 Dörfern auf Samar zerstört. Es fehlten Nahrungsmittel, Wasser, Medikamente, Kleidung, Unterkünfte. Die Bevölkerung benötigte Hilfe zur Bewältigung der Traumata und Unterstützung bei der Reparatur der Häuser sowie dem Aufbau der gesamten Infrastruktur (Schulen, Gemeindezentren, Krankenhäuser und Kliniken). Samar und besonders der Osten der Insel zählt allgemein zu den ärmsten Provinzen der Philippinen. Die Unterernährungs- und Mortalitätsrate von Kindern beträgt 63,7 %. Die Impfrate liegt unter dem nationalen Durchschnitt.

Durch die Taifunkatastrophe wurde die Armut noch verstärkt. Insgesamt waren 18 468 Familien direkt von der Katastrophe betroffen.

Projektlaufzeit: 01.01.2014 – 31.12.2015

Projektpartner: Philippines Children’s Ministry Network (PCMN) und  Viva SE Asia Network

Das Projekt wird mit ADH-Mitteln und Eigenmitteln finanziert.

Projektvolumen: 370.934,20 EUR

Verwendungszweck: 8000-010 Katastrophenhilfe weltweit

 

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